Kapitel 8
Der Kriegsheld

5 Drohnen | 35.000 Asteroiden | 1 Krater

Auch um einem möglichen Lagerkoller zuvorkommen zu können, hatte sie gemeinsam ein Aktivitätsprogramm ausgetüftelt, zu dem Spiele in der kleinen Sporthalle des Schiffs, Schieß- und Drohnensteuerungstraining sowie auch Kinoabende gehören sollen. Im an die Offiziersmesse anschließenden Freizeitbereich gab es einige um einen 3D-Projektor gruppierte Sitzgruppen und Tische, dort waren Mikes Ansicht nach perfekte Voraussetzungen gegeben, einen schönen Kinoabend stattfinden zu lassen.

Er hatte tatsächlich den Film Das Fünfte Element organisieren können und war nun gewissenhaft damit beschäftigt, den ersten Kinoabend vorzubereiten. Dazu gehörten natürlich auch die passenden Speisen und Getränke, und nach einer Umprogrammierung konnten die Speisensequenzer sogar eine Art Popcorn und recht knusprige Kartoffelchips herstellen.

Gegen Abend des folgenden Tages sollten sich alle Mannschaftsmitglieder im Offiziers-Freizeitbereich einfinden. Toĝòf hatte sich freiwillig bereiterklärt, die Brückenwache zu übernehmen und so waren die vier Paare Tom und Taïrè, Anders und Bianca, Jean-Jacques und Taé sowie Mike und Nèřá unter sich. Mike war noch damit beschäftigt, vier große Schüsseln mit Popcorn auf die Tische zu stellen, und so hatten alle schon ihre Plätze eingenommen, so dass er sich wieder einmal »nur« neben Taé hinsetzen konnte.

Jean-Jacques erläuterte vorab kurz den Inhalt des Films: »Das ist ein richtig alter Klassiker und spielt in der Zukunft, also jetzt, wenn man das so sagen kann.« 

Er schaute zu Bianca und wandte seinen Blick dann zu Nèřá. »Es gibt schöne rothaarige Frauen! Es gibt schöne blauhäutige Frauen!« 

Nèřá strich sich durchs Haar und präzisierte: »Aber ich habe keine Tentakel am Kopf!« 

Jean-Jacques lachte und fuhr fort: »Es gibt außerdem ganz böse Bösewichte, es gibt AirCars und auch Raumschiffe. Einige Details der heutigen Zeit wurden sogar ganz gut getroffen. Und natürlich gibt es die Kampfszene!« 

Mike grinste breit und meinte: »Das werden wir ja sehen! Wie Jay Jay schon gesagt hatte, ist es ein alter und auf dreidimensionale Projektion hochgerechneter Film. Aber ich glaube, er wird trotzdem gut.« 

Er drückte auf eine neben ihm in einen Tisch eingelassene kleine Konsole, das Raumlicht wurde etwas gedimmt und der Film startete.

Während des Films kuschelte sich Nèřá immer näher an Mike heran. Er revanchierte sich, indem er sie mit Popcorm fütterte. Aus den Augenwinkeln bemerkte Nèřá, wie Taé mehrmals zu ihnen hinübersah.

In einer besonders lauten Szene flüsterte Nèřá Mike ins Ohr: »Die Kleine lässt aber auch nichts unversucht…« 

Natürlich war der Film ein voller Erfolg. Vor allem Taé sah nicht mehr so niedergeschlagen aus. Mike musste anerkennen, dass die bewusste Szene, in der die weibliche Hauptdarstellerin ganz alleine gegen eine Übermacht hässlicher Außerirdischer kämpfte, tatsächlich besser war. Ihm kam es alles immer noch wie ein Abenteuerurlaub vor.

»Das war ein toller Abend«, lobte Tom, als er mit Taïrè im Arm den Raum verließ. »So etwas müssen wir jetzt öfters machen!« 

Mike erklärte, dass er gleich auch die erfolgreichsten Filme der letzten zwei Jahre mit auf den Schiffsrechner heruntergeladen hatte, darunter auch »etwas Romantisches speziell für die Damen«.

»Von mir aus kann es gerne noch einmal so ein Actionfilm sein, der sich selbst nicht unbedingt so ernst nimmt!«, meinte Bianca.

Nèřá half Mike, den Freizeitraum aufzuräumen, und so waren sie die letzten, die den Raum verließen. Als sie an Nèřás Kabine ankamen, gab sie Mike einen Kuss auf die Wange.

»Gute Nacht, Mike«, hauchte sie.

»G-gute Nacht«, stotterte der vollkommen überraschte Mike.

Bis auf die Brückenwache, die Toĝòf übernommen hatte, hatten sich jetzt alle in ihre Kabinen zurückgezogen. Hier auf dem Asteroiden gab es zwar deutlich kürzere Tag-und-Nacht-Zyklen, aber sie hatten beschlossen, sich bei ihrem Tagesrhythmus an die tronische Standardzeit zu halten. Zudem war es auf dem Grund des Kraters meistens recht schummrig – und im Innern des Wracks eigentlich immer dunkel. Toĝòf hatte eine Drohnenkonsole in den Übungsmodus geschaltet und flog Angriffe auf imaginäre Schiffe, die das Feuer erwiderten. Nachdem eine Übungsaufgabe beendet war, machte er eine kurze Pause und nippte an einem großen Becher tronischen Tees. Alle sonstigen Anzeigen auf der Brücke waren im Bereitschaftsmodus und zeigten nichts Ungewöhnliches. Toĝòf mochte diese »Nachtstunden«, da es sehr ruhig war und er von niemanden gestört wurde. Er wollte auch allein sein, da er hoffte, nach dem Verlust seiner »Gefährtin« auf diese Art und Weise das Alleinsein üben zu können. Auch seine Tochter hatte dies – wenn auch zunächst nur widerwillig – akzeptiert. Nachdem sie aber in Jean-Jacques’ Kabine umgezogen war, hatte sie »nachts jetzt auch eher andere Prioritäten«, wie Mike dies in seiner üblichen unsensiblen Art ausdrückte. Toĝòf lehnte sich in seinem Stuhl zurück und nahm einen weiteren großen Schluck Tee aus seinem Becher.

Plötzlich erwachten einige Konsolen zum Leben und ein schriller, durchdringender Alarm ertönte durch das ganze Schiff. Toĝòf erschrak derart, dass er die Hälfte des Tees aus dem Becher auf sein Hemd verschüttete. Er fluchte, nahm die Videobrille ab und warf sie auf den Boden, stellte den Becher auf die Nachbarkonsole und schaltete seine Konsole vom Übungs- auf den Normalbetrieb zurück. Er fragte sich, was wohl geschehen war.

Mike fiel fast aus seiner Schlafkoje, als der Alarm ertönte. Er schaute auf seine Kabinenkonsole, konnte jedoch die Ursache des Alarms nicht erkennen.

Er lief an Nèřás Kabine vorbei, als sich die Tür öffnete und sie heraus kam. Er blieb abrupt stehen und musterte sie von oben bis unten. In ihrem kurzen, weißen und fast durchsichtigen Trägerhemdchen, durch das sich ihre Brüste sehr deutlich abzeichneten, dem sehr hochgeschnittenen weißen Slip, welcher ihre langen hellblauen Beine noch besser zur Geltung brachte, und ihren verstrubbelten blauen Haaren sah sie äußerst aufreizend aus. Mike bekam bei ihrem Anblick ein starkes Kribbeln in der Magengegend.

»Was ist hier los?«, fragte sie verschlafen und lehnte sich an den Türrahmen, die Augen noch halb zugekniffen.

Mike antwortete: »Alarm auf der Brücke! Zieh’ dich an und komm’ mit!« 

Nèřá drehte sich um und ging in ihre Kabine zurück, aber nicht ohne zu bemerken, dass Mike sie die ganze Zeit ausgiebig gemustert hatte. Nach kurzer Zeit kam sie wieder heraus, nun trug sie ein etwas zu großes Kapuzen-Sweatshirt, auf dem vorne ein großes Bild von Schlumpfine, des weiblichen Schlumpfs, abgebildet war. Dazu hatte sie sich eine viel zu weite Jogginghose angezogen.

Mike hatte das Sweatshirt noch nie gesehen und hatte ihr so viel Selbstironie gar nicht zugetraut.

Er musterte sie erneut von oben bis unten und ihm rutschte heraus: »Der Schlumpf ist zwar ganz niedlich und sieht dir auch irgendwie ähnlich, aber figurbetont war’s wesentlich besser! Kannst du nicht immer so herumlaufen?« Er duckte sich instinktiv in Erwartung einer Ohrfeige und ärgerte sich, wieder einmal unbedingt einen blöden Spruch anbringen zu müssen.

Doch es geschah nichts dergleichen. Nèřá zog Mike zu sich heran und gab ihm einen gehauchten Kuss auf den Mund. Sie flüsterte ihm ins Ohr: »Danke. Mir hat schon lange niemand mehr so etwas wie ein Kompliment gemacht; als ›Blaue‹ ist das auch nicht selbstverständlich. Findet du mich eigentlich tatsächlich attraktiv – trotz aller Kuppelversuche der kleinen Tronerin?« 

Mike war völlig perplex. Er spürte ein Brennen im Gesicht, da er wahrscheinlich knallrot angelaufen war. »Ja – du bist – ganz – süß«, stammelte er.

Sie lachte, hakte sich bei ihm unter und sie gingen zusammen Richtung Brücke. Auf dem Weg dorthin trafen sie Jean-Jacques und Taé, die ebenfalls vom Alarm geweckt zur Brücke gehen wollten.

Taé sah, dass sich Nèřá immer noch bei Mike untergehakt hatte; aus der Ferne hatte es sogar so ausgesehen, als ob sie Arm in Arm gehen würden. Sie dachte: »Haben er und die blaue Schönheit sich wohl also endlich gefunden; das wurde aber auch Zeit.« 

Als sie auf der Brücke angekommen waren, kam ihnen Toĝòf entgegen. Es erklärte, dass er bisher nicht ermitteln konnte, um welche Art Alarm es sich handelte. Daher setzte sich Mike sofort an eine Konsole und versuchte, den Alarm zu identifizieren und das nervtötende Alarmsignal zu deaktivieren.

Nach kurzem schnellen Herumtippen auf der Konsole hatte er die Erklärung gefunden. Es war ein Annäherungsalarm. Drei kleinere Schiffe näherten sich ihrer Position. Warum allerdings der Alarm aktiviert worden oder ob diese Funktion bei der Landung des Schiffes automatisch geschehen war, hatte er aber auf die Schnelle nicht herausfinden können.

»Na super!«, entrüstete sich Jean-Jacques, als Mike ihnen seine Entdeckung mitgeteilt hatte. »Hätten wir das gewusst, dann hätten wir hier wahrscheinlich nicht nächtelang Wache schieben müssen!« Er beruhigte sich aber schnell wieder und meinte: »Nettes Shirt, Nèřá!« 

Mike hatte endlich die Alarmsirene deaktivieren können. Obwohl es jetzt leise war, klang allen noch der schrille Ton in den Ohren.

Taé fragte: »Aber wieso suchen die uns ausgerechnet hier? Ich meine, das Asteriodenfeld ist doch groß.« 

»Das ist terranischer Taktik geschuldet«, antwortete Mike. »Die Taktik, sich, wie wir, in Schiffswracks zu verstecken, um so die Suche zu erschweren und/oder aus dem Hinterhalt zuschlagen zu können. Genau auf diese Weise haben damals die Troner ihre Zweite Flotte fast vollständig verloren. Einige Militärhistoriker sind der Ansicht, dass diese Schlacht wohl als kriegsentscheidend zu werten ist.« 

Er schaute sich um, als ob er jemanden suchen würde.

»Oh ja, und das Ganze wurde benannt nach dem jungen Offizier, der es erfunden hatte«, ergänzte er.

In diesem Moment betraten die restlichen Crewmitglieder die Brücke. Tom hatte den letzten Satz von Mike mitbekommen und meinte: »Jaja, das Greenhill-Manöver oder die Greenhill-Finte!« 

Taé sah Tom erstaunt an.

»Oh du bist tatsächlich der Tom Greenhill?«, fragte Bianca, die sich als Journalistin wohl auch mit Militärgeschichte auszukennen schien.

»Ja, ich bin der!«, sagte Tom im gleichen Tonfall. »Ich bin ein Kriegsheld oder so.« Ohne weiter auf Bianca einzugehen, beugte er sich hinunter zu Mike, der noch an der Konsole saß. »Also, was haben wir?« 

Mike erklärte, dass es sich um einen Annäherungsalarm handelte und dass drei bis fünf Schiffe näher kommen würden. Diese waren aber noch zu weit entfernt, um in ausreichender Scannerreichweite sein zu können.

Tom meinte: »Es war zu erwarten, dass nach uns gesucht wird. Also gut. Wie wir es geübt haben, besetzt jeder seine Station. Taïrè hat das Kommando für alle Flugmanöver. Mike, Technik? Wir müssen hier eventuell recht schnell verschwinden können.« 

»Antrieb auf Standby, Drohnen – vor allem die auf der Asteriodenoberfläche – auf Standby, Waffen auf Standby«, meinte dieser. »Also alles noch nicht voll hochgefahren, das könnte nämlich von außen messbar sein und so das Interesse der Suchflotte wecken.« 

»Und wie stellen wir uns dazu noch tot – oder zumindest scheintot?«, wollte Anders wissen.

»Daran habe ich auch schon gedacht«, sagte Mike. »Ich schlage vor: Uplink aus, aktive Sensoren aus, Infrarot, Radar undsoweiter ebenfalls aus, nur passive Sensoren verwenden. Nèřá, ich brauche dich dann an der anderen Technik-Konsole, weil man einige Systeme nur im Vier-Augen-Prinzip hoch- oder herunterfahren kann.« Er schaute sich um. »Wir sind alle hier, also schlage ich außerdem vor, auch alle Lebenserhaltungssysteme außer auf der Brücke herunter zu fahren. So verhalten wir uns fast wie ein – äähm – na eben wie ein Fels im Weltraum!« 

Von allen kam zustimmendes Nicken.

»Und das ist schon alles?«, fragte Bianca.

Mike war nun voll in seinem Element und dozierte: »Nun nicht ganz, ich sagte ja auch fast! Es gibt Plasma- und Ionenspuren vom Antrieb dieses Schiffs und vom Antrieb der Fähre. Der Sonnenwind weht diese zwar mit einer gewissen Stärke von uns weg beziehungsweise verwischt die Spuren, aber Reste könnten immer noch vorhanden sein.« Er zeigte auf ein Außenfenster der Brücke. »Die vom Schiff ausgehende Wärmestrahlung wird zwar durch das Herunterfahren der Lebenserhaltung minimiert werden, aber sie geht nicht ganz auf Null. Das will heißen: obwohl das Schiff natürlich entsprechend isoliert ist, könnte man doch noch Spuren von Wärmestrahlung messen, zum Beispiel an Luftschleusen, die niemals hundertprozentig dicht sind.« Er rieb die Hände aneinander. »Aber wir können hier ja nicht erfrieren!« 

Weiter führte er aus, dass der Uplink zum Satelliten der Bergbaugesellschaft zwar gekappt sei, also keine elektromagnetischen Wellen mehr ausgesendet werden, aber noch Reflektionen, Resonanzen, Hintergrundstrahlung, Oberwellen oder Ähnliches vorhanden wären. Er hoffte darüber hinaus, dass der Asteroid doch so viel Metallerz enthielt, um das »Schiff im Schiff« bei Sensorenmessungen nicht weiter auffallen zu lassen.

»Die Gravitation spricht ja eigentlich dafür«, fuhr er fort, »Und ich will hoffen, dass die Bergbaugesellschaft diesen Asteroiden noch nicht kartographiert und untersucht hat.« 

Er schaute auf seine Anzeige und meinte: »Korrektur: Es sind nicht fünf Schiffe, sondern nur ein Schiff, aber mit fünf Drohnen, die gerade wieder ausschwärmen.« 

»Solche Drohnen, wie wir an Bord haben?«, fragte Nèřá.

Er antwortete: »Kann gut sein. Das ist ja auch sinnvoll, wenn man den Suchradius erweitern will. Es gibt hier draußen etwa fünfunddreißigtausend Asteroiden.« 

Nach und nach kamen jetzt auch von allen Stationen die Fertigmeldungen: »Waffenkontrolle ist grün.« – »Navigation ist grün.« – »Drohne eins ist grün.« – »Drohne zwei ist grün.« – »Steuerung ist grün.« 

Mike salutierte. »Captain Taïrè, Schiff ist einsatzbereit, Ma’am!« 

»Nicht so förmlich!«, erwiderte sie. »Mir fällt übrigens auf, dass das Schiff ja noch gar keinen Namen hat.« 

»Ich bin für Trírå, wie meine Mutter«, sagte Taé sofort.

Mike meinte: »Ja, das ist wirklich eine gute…« Er unterbrach sich plötzlich. »Moment, ich habe etwas auf meiner Anzeige. Oh, wir bekommen Besuch von einer Drohne und werden jetzt gescannt!« 

Alle flüsterten jetzt, obwohl dies eigentlich gar nicht notwendig war, da im Vakuum des Weltraums kein Schall übertragen wird (»wir sind ja hier schließlich nicht auf einem U-Boot«, hatte Mike später einmal angemerkt). Nach bangen Minuten entfernte sich die Drohne aber rasch und auf Mikes Konsole sah man, dass sie jetzt einen anderen Asteroiden ins Visier nahm. Mike wollte daraufhin alle Systeme sofort wieder hochfahren.

»Halt!«, rief Taïrè plötzlich. »Wir warten noch!« 

Alle schauten sie erstaunt an.

Sie erläuterte, dass bei tronischen Aufklärungsmissionen von Zeit zu Zeit ein Schiff wieder ein Stück zurückfliegen würde, ob nicht doch jemand so unvorsichtig war, zu frühzeitig aus der Deckung kommen zu wollen.

»Und das ist tronische Taktik«, sagte sie mit einem Seitenblick auf Tom.

Tatsächlich scherte eine Drohne plötzlich aus und bog auf eine große Kreisbahn ein, die sie auch wieder an ihrem Asteroiden vorbei führte. Als die Drohne den Asteroiden passierte, hielten alle noch einmal die Luft an. Die Drohne jedoch flog unverrichteter Dinge weiter und scherte bald darauf wieder in die Formation der anderen Drohnen um das Suchschiff herum ein.

Alle atmeten auf und schlagartig setzte, trotz der späten Nachtstunde, eine gelöste Stimmung ein. Nachdem Mike noch einmal die Funktionsfähigkeit des Annäherungsalarms überprüft hatte, wurden die Nachbereitschaftsschichten ersatzlos gestrichen und alle konnten in ihre Quartiere zurückgehen.

Dann passierte für Mike etwas Unerwartetes.

»Und ich brauche keine Brückenkonsole, sondern dich jetzt unter vier Augen, sagte Nèřá, zog ihn an seinem Pullover in ihre Kabine hinein und schloss hinter ihnen die Tür mit einem gezielten Fußtritt.

Sie schubste ihn auf ein Sofa, zog ihre Oberteile aus und stellte sich halbnackt vor ihn. Mike wurde gleichzeitig heiß und kalt. Er hatte sich – zugegebenermaßen – schon ein paar Pornofilme angeschaut, in denen Nèk’ha mitgespielt hatten, aber noch nie stand eine fast unbekleidete Nèk’ha in natura vor ihm. Er streckte seine Arme aus und sie legte sich auf ihn. Ihre Lippen fanden sich und sie küssten sich leidenschaftlich.

Mit einer Dreh-Hebe-Bewegung bekam Mike Nèřá blitzschnell unter sich zu liegen.

»Hoho«, hauchte sie, »das musst du mir ’mal beibringen.« 

»Das ist aus dem ›Hosinsul‹, der koreanischen Taekwondo-Selbstverteidigungsschule«, sagte er, während er ihr Jogginghose und Slip auszog.

Nun lag sie vollkommen nackt vor ihm und er begann, jeden Quadratzentimeter ihres Körpers zu küssen und abzulecken. Bei bestimmten Körperteilen hielt er inne und liebkoste diese besonders intensiv, so dass Nèřá immer lauter stöhnte. Jetzt begann sie, auch ihm seine Kleidung auszuziehen. Er war doch muskulöser, als sie gedacht hatte. Unbekleidet entsprach er eigentlich gar nicht mehr dem klischeehaften »IT-Nerd«, wie sie ihn sich immer vorgestellt hatte. Sie war sich jetzt ziemlich sicher, die richtige Partnerwahl getroffen zu haben.

Er dagegen war zunächst etwas verwirrt, weil sie, wie alle künstlich gezüchteten Nèk’h, keinen Bauchnabel besaß. Da der Rest ihres Körpers aber voll und ganz seinen Vorstellungen entsprach, legte sich die Verwirrung rasch wieder.

Nach etwa einer halben Stunde saßen sie dann erschöpft, aber glücklich Arm in Arm auf dem Sofa.

»Wo liegt eigentlich Korea«, wollte sie wissen.

Er zeigte ihr eine Landkarte der Erde und deutete auf den Südteil der koreanischen Halbinsel.

»Nèřá, ich muss dich jetzt ernsthaft etwas fragen: Seid ihr Nèk’ha eigentlich immer so wild oder bist du nur etwas, nun ja, ausgehungert gewesen?« 

Sie lachte. »Ich kann dich beruhigen. Wir Nèk’h sind zwar auch speziell zu kriegerischen Zwecken geschaffen worden, aber ich war tatsächlich – wie hast du gesagt? – ausgehungert.« 

Sie küsste ihn auf die Stirn und fuhr fort: »Ich hatte schon lange keinen richtigen Freund mehr und Sex erst recht nicht, nicht einmal einen – auf Terranisch nennt ihr das One Night Stand. Als erste blaue Detective und auch noch als Frau muss man sich natürlich beweisen und hast im Prinzip Dauerschichten. Da bleibt für Weiteres einfach keine Zeit mehr. Zuhause fällt man sofort in den Tiefschlaf, wenn man von so einer Schicht kommt. Ich hatte es teilweise nicht einmal mehr vom Sofa ins Bett geschafft. Ich genieße diese Zeit hier auf dem Schiff richtig; auch und gerade mit dir.« 

Mike beschloss, jetzt endgültig in die Offensive zu gehen. Wann würde er schließlich noch einmal ohne großen Aufwand so eine sensationell aufregende Frau finden. Sie hatte ja außerdem auch angefangen, Taés fortwährende Kuppelbemühungen einmal außen vor gelassen.

»Ich bin ebenfalls mit dir einer Meinung, dass es mit uns nicht nur bei einem One Night Stand bleiben sollte«, meinte er und schaute ihr tief in ihre hellblauen Augen.

Sie drehte sich um und legte sich auf ihn. Mit einem gehauchten »Jaaaah!« küsste sie ihn auf den Mund.

Nicht ganz uneigennützig hatte Mike bei der Zuteilung der Kabinen Nèřá und sich direkt nebeneinander einquartiert. Alle Offizierskabinen waren durch – normalerweise verschlossene – Zwischentüren miteinander verbunden, und so setzte Mike sich an die Konsole in Nèřás Kabine, um diese Tür zu entriegeln. Mit einem deutlich hörbaren Klacken entriegelte sich die Tür. Immer noch vollkommen nackt gingen beide Hand in Hand hinüber zu Mikes Kabine und legten sich nebeneinander ins Bett.

Schon nach kurzer Zeit hatte sich Nèřá jedoch wieder auf Mike gelegt und das Spiel begann von Neuem.

Nach einer eher kurzen Nacht piepste Mikes Wecker und sie mussten sich beeilen, um nicht zu spät zum gemeinsamen Frühstück zu erscheinen. Beide widerstanden der Versuchung, das gemeinsame Duschen zu einem längeren sexuellen Abenteuer ausufern zu lassen.

»Nächstes Mal?«, hauchte Nèřá, als sie sich gegenseitig abtrockneten.

»Ja, nächstes Mal!« 

Müde, aber gut gelaunt, machten sie sich auf den Weg zum Offizierskasino. Als sie an Taés Kabine vorbeikamen, öffnete sich die Tür und Taé trat heraus auf den Korridor. Sie nahmen Taé in ihre Mitte und legten ihre Arme um sie.

»Hallo, du kleine Kuppelmaus«, sagte Mike fröhlich. »Du kannst deine Aktivitäten einstellen.« Er küsste sie auf die Wange.

Nèřá meinte von der anderen Seite: »Glaubst du, wir hätten nichts bemerkt? Deine Bemühungen waren eigentlich überflüssig. Mike und ich wären wahrscheinlich auch ohne dich zusammen gekommen. Trotzdem vielen Dank.« Sie gab Taé einen leichten Kuss auf die andere Wange.

Beide ließen Taé los und gingen dann Hand in Hand lachend den Korridor entlang, eine vollkommen verdutzte und mit offenem Mund dastehende Taé zurücklassend.

Das Ergebnis der sich an das Frühstück direkt anschließenden täglichen Lagebesprechung war, dass sie hier in ihrem selbstgewählten Exil auf dem Asteroiden nicht mehr vorankamen. Sie wollten daher wieder nach Tronòc zurückkehren und dort weitere – inoffizielle – Ermittlungen anstellen. Der Beschluss hierüber war daher einstimmig. Taïrè und Tom sollten, bestens versorgt, an Bord des Schiffes bleiben, um sie nicht unnötig in Gefahr zu bringen. Noch waren sie mit die meistgesuchten Personen in zwei Sonnensystemen und Taïrè stand darüber hinaus weiterhin auf Platz Eins der Personen, die dem stellvertretenden Innenminister in seiner Thronfolge im Weg waren.

Taïrè beschwerte sich heftig, dass sie schon viel zu lange an Bord des Schiffes war und sie sich nach Sonnenlicht und frischer Luft sehnte.

»Taé darf doch auch wieder mit zurück!«, jammerte sie.

Anders beschwichtigte: »Aber Taé ist offiziell tot, hat aber von Mike eine neue Identität bekommen. Ihr dagegen seid noch am Leben und vor allem auf der Flucht. Taïrè, du bist hier viel sicherer, denk’ an die Drohne! Du darfst uns dafür wenigstens bis zur nächsten Erzmine fliegen.« 

Tom nahm Taïrè in den Arm und sagte: »Ich pass’ schon auf dich auf!« 

Mike stellte den Fahrplan einer Fährverbindung zwischen einer Erzmine auf einem benachbarten Asteroiden und Tronòc vor, und so hatten sie sich vorgenommen, am nächsten Tag nach dem Frühstück aufzubrechen und zur Erzmine zu fliegen. Zur Sicherheit hatte er noch die Daten ihrer elektronischen Reisepässe modifiziert, so dass es aussah, als ob sie mit einem Erzfrachter zur Mine gelangt und sich dort schon mehrere Tage aufgehalten hatten.

Außerdem hatte Mike noch den Transponder ihrer kleinen Fähre modifiziert.

»Wir sind jetzt keine stellare Kleinfähre mehr, sondern ein kleiner Erzfrachter«, verkündete er.

Am Abend gab es zum Abschied noch ein kleines Festmahl, so dass Mike »pappsatt«, wie er es ausdrückte, neben Nèřá ins Bett fiel.

Ihre Rückkehr nach Tronòc gestaltete sich eher unspektakulär. Weder wurde ihre kleine Fähre abgefangen oder beschossen, noch stellten die Grenzkontrollbeamten bei der Einreise auf den Erzminen-Asterioden unangenehme Fragen oder nahmen irgend jemanden aus der Gruppe auf der Stelle fest, noch gab es ähnliche Schwierigkeiten auf dem Spaceport in Tronòc City. Jean-Jacques ging dies alles zwar etwas zu reibungslos vonstatten, aber vielleicht hatten sie einfach auch einmal nur Glück.