Kapitel 2
Der Fund

3 Knochenarten | 15 Raketen | 23 Tote

Sieben Jahre später wurden zwei Ermittlungsbeamte des DIID zu einem Tatort gerufen.

Die etwas sperrige Bezeichnung Department of the Interior, Investigation Division wurde mit DIID abgekürzt und war der Name einer speziellen Ermittlungsabteilung des Innenministeriums. Das DIID wurde nach dem Vorbild des US-amerikanischen FBI geschaffen, als nach Kriegsende auf Tronòc eine neue Verwaltungs- und Organisationsstruktur der staatlichen Stellen aufgebaut worden war.

Special Agent Anders »Andy« Svensson, ein großer blonder Mann skandinavischer Herkunft, war gar nicht begeistert. Es hatte also ihre Schicht erwischt, die in einer Stunde beendet gewesen wäre. Sie würden also wieder einmal Überstunden machen müssen.

»Warum sind wir zuständig?«, wollte sein Kollege, Special Agent Jean-Jacques Lacroix, genannt Jay Jay, wissen. »Ich weiß gar nicht, warum die so ein Geheimnis daraus machen.« 

Anders antwortete: »›Humanoide Knochen‹, was immer das auch bedeuten mag. ›Unter mysteriösen Umständen auf staatlichem Gelände aufgefunden‹, daher sind wir vom DIID wohl zuständig. Genaueres ist mir aber noch nicht bekannt. Wir werden es ja gleich sehen.« 

Als sie sich mit ihrem AirCar dem Tatort näherten, sahen sie vor einer Gasse zwischen zwei Häusern mehrere AirCars des Tronòc City Police Department mit eingeschaltetem Blaulicht stehen. Die Gasse selbst wurde wegen der einsetzenden Dämmerung mit zwei darüber schwebenden Flutlichtern ausgeleuchtet und ein AirCar mit der Aufschrift Gerichtsmedizin war auch schon vor Ort.

Anders landete den AirCar neben neben dem AirCar der Gerichtsmedizin, Jean-Jacques und er stiegen aus und gingen auf das virtuelle Polizei-Absperrband zu, welches aus mehreren kleinen 3D-Projektoren erzeugt wurde.

Jean-Jacques schaute sich um. Die Gegend war nicht gerade die feinste und bestand zum Großteil entweder aus kriegsbeschädigten Gebäuden, von denen meistens nur die untersten Stockwerke bewohnt waren, oder aus Trümmergrundstücken, auf denen ebenfalls noch nichts wieder aufgebaut worden war. Dies stand im krassen Gegensatz zum Innenstadtbezirk von Tronòc City, in dem sich das DIID-Bürogebäude befand. Insofern schien der Fundort wohl zum Fund zu passen.

Bei einem TCPD-Polizisten wiesen sie sich als DIID-Agents aus und konnten daraufhin die Absperrung passieren.

»Ihr seid ja für die schrägen Nummern zuständig«, wurden sie von der Gerichtsmedizinerin begrüßt, »also passt das hier genau dazu!« 

Sie hob eine Plane hoch und gab den Blick auf ein Skelett frei.

»Was ist an den Knochen ›schräg‹?«, wollte Jean-Jacques wissen.

Anders beugte sich tiefer über das Skelett, welches in einer kleinen Grube lag und gab nur »Hm?« von sich.

Die Gerichtsmedizinerin stelle fest: »Sie haben es erkannt, nicht wahr?« 

Anders ließ sich eine Taschenlampe geben und leuchtete direkt auf die Beinknochen und dann auf den Brustkorb. Jetzt nahm auch Jean-Jacques den leichten Blaustich bei einigen Knochen wahr.

»Nèk’h?«, fragte Jean-Jacques. »Aber nicht alles?« 

Die Gerichtsmedizinerin erläuterte, dass das Skelett sorgsam aus drei verschiedenen Personen zusammengestellt worden war, und zwar aus den Gliedmaßen eines Nèk’h, des Rumpfes eines Troners und des Kopfes eines Terraners.

»Drei Knochenarten also – und irgendwo müssen sich ja noch die übrigen Teile befinden«, stellte sie fest. »Schräg genug für euch?« 

Jean-Jacques fragte eher rhetorisch in die Runde: »Wer macht sich die Mühe, das alles so zu arrangieren? Und warum alle drei Volksgruppen zusammen?« 

Anders’ Laune verschlechterte sich schlagartig. Es war also wieder einmal »einer dieser Fälle«, die sehr schnell viel Arbeit und noch schneller viel Ärger bedeuteten. Ihm war nicht wohl bei dem Gedanken, einen toten Nèk’h in einer Gegend mit einer eher tronischen Bevölkerungsmehrheit zu finden. Das konnte auch die Geheimhaltung erklären.

»Ein toter Nèk’h also?«, fragte er die Gerichtsmedizinerin.

»Eine tote Nèk’ha, um genau zu sein«, erklärte sie. »Der Abgleich mit der DNS-Datenbank mit ein paar Knochenmarkresten hat ergeben, dass es sich um einen weiblichen Nèk’h-Officer der SkyPatrol handelt. Daher wurdet auch ihr vom DIID verständigt.« 

Anders beriet sich mit Jean-Jacques. Die Situation stelle sich ihrer Ansicht nach noch viel dramatischer dar, als sie ursprünglich angenommen hatten, da ein toter Nèk’h-Polizist zusammen mit einem toten Troner und einem toten Terraner in einer eher tronisch dominierten Gegend aufgefunden worden war – und auch noch eine Frau. Die blutigen Rassenunruhen der Nachkriegszeit waren zwar beendet, konnten womöglich aber jederzeit wieder aufflackern.

Die anderen zwei Toten waren dagegen Zivilisten und hatten nach ersten Erkenntnissen nichts mit irgendwelchen Ermittlungsbehörden zu tun.

»Warum ausgerechnet die SkyPatrol?«, fragte Jean-Jacques.

Die SkyPatrol war eine Polizeieinheit, die mit in großer Höhe fliegenden Fluggeräten eine permanente Luftüberwachung des Großraums von Tronòc City gewährleisten sollte. Man versuchte so, die nach Kriegsende recht hohe Kriminalität besser bekämpfen zu können.

Erneut ertönte eine Sirene und sie sahen, dass sich ein blaulichtblinkender AirCar ihnen näherte und neben den TCPD-AirCars landete.

»Andy, wir kriegen Besuch«, stellte Jean-Jacques fest.

Eine Frau mit blauer Haut und zu einem Pferdeschwanz zusammengebundenen langen blauen Haaren stieg aus dem AirCar. An einer Kette hing eine leicht golden schimmernde Dienstmarke. Die Frau ging durch das Absperrband durch und kam auf Anders und Jean-Jacques zu.

Letzterer beugte sich zu seinem Kollegen und fragte erstaunt: »Eine Nèk’ha in Zivil mit goldener Dienstmarke?« 

»Das muss Detective Inspector Nèřá von TCPD sein. Die erste Nèk’ha, beziehungsweise der erste Nèk’h, die diesen Rang erreicht hat. Sie soll uns wahrscheinlich unterstützen«, meinte Anders.

»Ich wusste gar nicht, dass es dort eine Nèk’ha-Detective Inspector gibt.« Er fand die Frau gar nicht einmal so unattraktiv.

»Wenn auch du einmal im Intranet die Beförderungsmeldungen lesen wür…« 

Er wurde unterbrochen, als sich die Frau ihnen näherte. »Special Agent Svensson, DIID?«, fragte sie an Jean-Jacques gewandt.

Jean-Jacques zeigte auf Anders. »Der Kollege dort ist Special Agent Andy Svensson. Ich bin Special Agent Jean-Jacques Lacroix. Detective Inspector Nèřá, nehme ich an?« 

»Oh, Entschuldigung«, meinte sie und nickte. »Ja, ich bin Detective Inspector Nèřá, TCPD, Bereich Organisierte Kriminalität. Mir konnte – oder wollte – niemand sagen, was hier eigentlich genau los ist und warum ausgerechnet ich hier ganz spontan erscheinen musste. Ich wurde sogar von einem anderen Fall abgezogen. Bei einem ermordeten Polizisten seid doch ihr vom DIID mit den Ermittlungen betraut und nicht wir vom TCPD.« 

Anders hob das Laken hoch.

Nèřá fragte: »Knochen?« 

Jean-Jacques leuchtete auf die Beine.

»Blaue Knochen?« 

Als sie die blaue Farbe wahrnahm, wurde ihr mulmig. Nèřá war sich sofort der Brisanz der Lage bewusst. Sie kannte sogar diesen SkyPatrol-Officer persönlich, wenn auch nur flüchtig. Die Anzahl der Nèk’h in höheren Positionen im Staatsdienst, also beispielsweise beim TCPD oder der SkyPatrol, konnte man trotz aller Bemühungen um eine ausgeglichene Berücksichtigung aller Volksgruppen an zwei Händen abzählen. Sie selbst zählte ja auch dazu, deswegen kannte man sich größtenteils untereinander. Jetzt war also jemand aus dieser überschaubaren Gruppe eines gewaltsamen Todes gestorben. Und dann war da noch dieses merkwürdig zusammengestellte Skelett, welches nicht nur eine, sindern drei verschiedene Personen darstelle, einen Nèk’h, einen Troner und einen Terraner. Das war nicht gut. Gar nicht gut. Sie schaute Anders an.

»Detective Inspector, das DIID ist tatsächlich zuständig und wir haben auch weiterhin die Federführung«, sagte Anders. »Aber das Opfer ist eine Nèk’ha der SkyPatrol. Sie verstehen jetzt, dass wir das erst einmal geheim halten müssen, um nicht unnötig Unruhe hereinzubringen. Und Sie verstehen auch, dass wir Sie womöglich als Expertin brauchen werden, also Sie als Nèk’ha.« 

Nèřá nickte.

Ein weiterer AirCar landete und einige uniformierte Polizisten stiegen aus.

Jean-Jacques bemerkte leise grummelnd: »Da kommen viele, viele bunte Uniformabzeichen. Jetzt wird mir hier die Chefdichte aber langsam viel zu hoch. Wie sollen wir da noch vernünftig arbeiten können? Was wollen die hier überhaupt in den Niederungen der Ermittlungsarbeit in schmutzigen Gassen?« 

Nèřá lächelte und man sah weiße Zähne zwischen dunkelvioletten Lippen hervorblitzen. »Chefdichte«, kicherte sie in sich hinein. Ihr gefiel es, dass der DIID-Agent mit dem französisch klingenden Namen auch in dieser Situation einen gewissen Humor behielt.

»Ich versuche, zumindest meinen Chef schnell wieder wegzuschicken«, sagte sie.

Anders ergänzte: »Das werde ich mit meinem ebenfalls versuchen!« 

Ihr Versuche wurden allerdings nicht wirklich von Erfolg gekrönt. Sowohl der Leiter des TCPD als auch der Leiter des DIID stellten unmissverständlich klar, dass die Aufklärung des Todes der SkyPatrol-Polizistin die höchste Priorität hatte. Nèřá wurde für die Dauer der Ermittlungen zur DIID-Sonderermittlungsgruppe abgeordnet, der Anders vorstand. Die Gruppe sollte zusätzlich noch einen DIID-Agenten tronischer Abstammung und später noch einen DIID-Techniker zugewiesen bekommen, um die Ermittlungen voranzutreiben.

Zu Jean-Jacques’ Erleichterung verabschiedeten sich die höheren Dienstgrade aber sehr schnell wieder und sie konnten endlich beginnen, zusammen mit den uniformierten TCPD-Polizisten die Umgebung des Leichenfundorts nach weiteren Spuren abzusuchen.

Nèřá stieß einen tronischen Fluch aus. Jean-Jacques musste grinsen, da das wenige Tronisch, was er sprach, fast nur Flüche enthielt.

»Oh nein, die Presse ist auch schon da!«, rief sie.

Anders und Jean-Jacques drehten sich um. Hinter der Absperrung hatte eine große rothaarige Reporterin Aufstellung genommen, vor der ein Kameramann stand. Jean-Jacques kannte die Frau, sie war eine recht erfolgreiche so genannte »Enthüllungsjournalistin«, die auf politische Skandale spezialisiert war. Sie hatten jetzt also nicht nur ihre Chefetage im Nacken sitzen, sondern auch die äußerst hartnäckige Presse auf den Fersen. Es würde wahrlich kein einfacher Fall werden.

Die Untersuchung der Umgebung brachte keine nennenswerten Spuren zu Tage, auch weil es zuvor starke Regenfälle gegeben hatte. Anders beschloss daher, die Untersuchung zu beenden, die Leiche in die Gerichtsmedizin bringen zu lassen und zur DIID-Zentrale zurückzukehren. Die TCPD-Polizisten schalteten die Absperrungen aus und verstauten die Pfosten mit den Projektoren in ihren AirCars. Jean-Jacques nahm in Nèřás AirCar Platz, um sie zum DIID-Gebäude zu lotsen.

Gemeinsam flogen sie wieder in Richtung des Stadtzentrums. Am DIID-Gebäude angekommen, stelle Nèřá ihren AirCar auf dem Besucherparkplatz ab und sie gingen in das Gebäude hinein. Jean-Jacques besorgte ihr einen Besucherausweis und sie fuhren mit einem gläsernen Aufzug das Atrium hinauf bis zu der Etage, auf der sich die Büroräume der DIID-Sonderermittlungseinheiten befanden.

Sie kamen im DIID-Bürotrakt an einer Wand mit vielen Bildern vorbei, auf denen nicht nur Terraner, sondern auch Troner, Nèk’h und sogar ein kleiner Hund abgebildet waren.

»Was ist denn das?«, fragte Nèřá, auf die Wand zeigend.

Jean-Jacques erläuterte ihr, dass dies die Lebensrettungs-Wand des DIID sei. Jeder, dem das DIID in irgendeiner Form schon einmal das Leben gerettet hatte, war auf dieser Wand abgebildet.

»Detective Inspector, wenn wir es einmal nicht geschafft hatten, dann genügt ein Blick auf diese Wand, um doch wieder an das Gute zu glauben!« 

Sie war beeindruckt und hätte diesem grobschlächtigen Terraner gar nicht so viel Mitgefühl zugetraut.

Anders’ Einheit residierte in einem hellen Großraumbüro, welches Nèřás Ansicht nach viel schöner als das »dunkle Loch« war, in dem sie arbeiten musste. Kurz nach ihnen traf auch Anders ein.

»Ich bitte kurz um eure Aufmerksamkeit!«, rief er von der Empore herunter, die über dem Großraumbüro thronte. »Wie ihr sicherlich alle schon mitbekommen habt, wurde uns der Fall des Nèk’h-SkyPatrol-Officers zugeteilt!« 

Er zeigte auf Nèřá.

»Und als Verstärkung darf ich herzlich Detective Inspector Nèřá vom TCPD bei uns begrüßen!« 

Nèřá verbeugte sich leicht und einige unten an ihren Schreibtischen Sitzende winkten zurück.

Zusammen gingen sie die Treppe herunter. Anders bemerkte, dass Nèřá etwas verlegen dreinschaute, da alle Augen auf sie gerichtet waren.

Breit grinsend meinte er: »Detective Inspector, willkommen auf unserer Showtreppe! Man gewöhnt sich daran.« 

Unten angekommen, kam ihnen ein weiterer DIID-Agent entgegen.

»Die Verstärkung, der tronische Agent, ist bereits da und wartet im kleinen Besprechungsraum«, erläuterte dieser.

»Sehr schön, dann muss ich nicht alles zwei Mal erklären. Besorge bitte für beide Arbeitsplätze und Systembenutzungsberechtigungen. Sage denen von der Technik, dass es eilt. Zur Not verweise auf die oberste Etage!« 

»Wird erledigt, Chef!« 

Gerade als sie in den Besprechungsraum gehen wollten, rief jemand: »Alle mal herschauen, ihr kommt in den Nachrichten!« 

Auf einem großen an der Wand aufgehängten Bildschirm sah man die große rothaarige Frau, die vor der Tatortabsperrung stand und ein Mikrofon mit der Aufschrift Network News in der Hand hielt. Sie bekamen nur noch den Schluss der Reportage mit.

Warum ausgerechnet zu diesem Tatort das DIID hinzugezogen wurde, konnte von uns leider nicht in Erfahrung gebracht werden. Wir werden Sie aber in dieser Sache weiterhin auf dem Laufenden halten.

Bianca Kayser, Network News, Tronòc City.

Anders griff sich die Fernbedienung und schaltete wütend den Ton aus.

Im Besprechungsraum hatte er sich jedoch schon wieder beruhigt.

»Ich brauche wohl das Thema ›Nachrichtensperre‹ jetzt nicht nochmals erwähnen – oder?«, meinte er. »Jetzt darf ich euch noch unseren zweiten Neuzugang, Agent Toĝòf von der Abteilung Drei, vorstellen. Agent Toĝòf, das ist Detective Inspector Nèřá vom TCPD. Wir alle müssen uns um die tote Nèk’ha kümmern.« 

Er legte dar, dass er von jetzt ab auch wieder selbst an den Ermittlungen teilnehmen müsste, und begründete dies mit der üblichen Personalknappheit.

Jean-Jacques ließ die Bemerkung fallen »Oh, der arme Chef muss mal wieder was Richtiges arbeiten!«, was Anders dazu veranlasste, ihm bei der Zuteilung der neuen Partner Toĝòf zur Seite zu stellen und sich selbst dafür ein wenig weibliche Gesellschaft zu gönnen.

Da der Abend bereits weit fortgeschritten war, wurde beschlossen, erst am nächsten Morgen mit den Ermittlungen fortzufahren. Anders und Nèřá sollten sich um das private Umfeld des Opfers kümmern, während Jean-Jacques und Toĝòf sich bei den Arbeitskollegen im SkyPatrol-Hauptquartier umhören sollten.

An nächsten Morgen holte Jean-Jacques Toĝòf vor dessen Wohnung ab und sie begaben sich auf den Weg zur SkyPatrol. Zunächst einmal bestand Jean-Jacques jedoch auf seinem üblichen Morgenritual und sie flogen daher zu einem Café in der Innenstadt von Tronòc City.

In einer Seitenstraße fanden sie auch gleich einen Parkplatz für den AirCar, gingen zum Café und nahmen aufgrund der recht warmen Witterung an einem Tisch im Außenbereich Platz.

Toĝòf bestellte einen tronischen Tee und Jean-Jacques sein Stammgetränk. Kurze Zeit später wurden die Getränke serviert.

Jean-Jacques ließ die Zuckerwürfel langsam über den schräg gestellten Löffel in die Tasse rutschen; es hatte fast etwas Zeremonielles. Toĝòf hatte zwar viel über terranische Teezeremonien gelesen, aber nichts von einer Kaffeezeremonie. Kaffee – beziehungsweise das darin enthaltene Koffein – war wohl eine Art Droge, von der viele Terraner abhängig zu sein schienen. Bei der Evakuierung der Erde nach dem Krieg hatte außerdem irgend jemand Kaffeepflanzen nach Tronòc mit genommen und eine mehr oder weniger erfolgreiche Kaffeeproduktion begonnen. Eine Tasse »echter« Kaffee kostete zwar Toĝòfs Ansicht nach ein kleines Vermögen und wesentlich mehr als der industriell hergestellte Ersatzkaffee, der überall angeboten wurde, aber Jean-Jacques ließ es sich nicht nehmen, ab und zu das Original zeremoniell zu genießen.

»Koffein, Sahne, Zucker«, sagte Jean-Jacques grinsend, als er merkte, dass Toĝòf ihn beobachtete. »Da hast du alle wichtigen Nährstoffe zusammen, die du für einen guten Start in den Tag brauchst. Konsumiert ihr Troner etwa keine stimulierenden Getränke?« 

Toĝòf antwortete: »Nur zu religiösen Zwecken.« 

»Nur zu religiösen Zwecken!«, echote Jean-Jacques mit Toĝòfs tronischem Akzent. Er begann zu lachen. »Diese Ausrede ist bei uns auf der Erde so alt, wie es stimulierende Substanzen gibt. Toĝòf, wer’s glaubt, wird selig!« 

Toĝòf wollte gerade etwas erwidern, aber ein Kleinlaster schwebte mit hoher Geschwindigkeit dicht am Café vorbei, einen geparkten AirCar aus dem Weg rammend.

»Merde! Was zum…?«, entfuhr es Jean-Jacques.

Die Alarmanlage des gerammten AirCars begann, laute Hupgeräusche von sich zu geben. Kurz darauf erschütterte eine schwere Explosion die Innenstadt und ließ Toĝòf erschreckt seinen Tee über den Tisch verschütten.

Glasscheiben barsten und die Scherben regneten auf die Straße herunter, so dass Passanten panisch in Hauseingängen Schutz suchten. Aus der Richtung des Rathauses bewegte sich eine Staubwolke auf sie zu.

Als sich die Staubwolke verzogen hatte, schaute Jean-Jacques Toĝòf an.

»Rathaus?«, fragte Toĝòf.

Jean-Jacques schüttelte sich Glasscherben aus dem Haar und antwortete hustend: »Sieht so aus.« 

Er lief zum AirCar und startete ihn.

Mit einer engen Wendung, bei der eine Ecke des Fahrzeugs über den Boden schleifte, kam er vor dem Café zum Stehen und Toĝòf sprang herein. Kaum hatte er Platz genommen, gaben auch schon die Komlets Alarm.

Ein Komlet ist ein kleines Kommunikationsgerät, welches im oder am Ohr befestigt wird.

»T-Alarm«, stellte Jean-Jacques fest.

Toĝòf fragte »Terrorismus?« und musste sich am Türgriff festhalten, als Jean-Jacques mit dem AirCar in einer engen Wendung auf die Hauptstraße einbog. Nach und nach wurden auf dem Bildschirm in der Mitte des Armaturenbretts Einzelheiten des Bombenattentats angezeigt.

Ein Attentäter hatte mit einem sprengstoffbeladenen Kleinlaster einen Teil des Rathauses gesprengt. Das dort untergebrachte Behörden-Rechenzentrum war zerstört worden und die jeweiligen Ausweich-Rechenzentren hatten sofort den Betrieb aufgenommen. Einige Etagen des Rathauses standen in Flammen und somit waren den dort arbeitenden Personen die Fluchtwege versperrt. Einige hatten sich schon auf ein Dach geflüchtet. Es wurden alle verfügbaren Einheiten aufgefordert, die Löscharbeiten und die Evakuierung zu unterstützen.

Das Rathaus war nur vier Querstraßen entfernt und so waren Jean-Jacques und Toĝòf schon nach wenigen Minuten am Gebäude – oder was davon noch übrig geblieben war – eingetroffen. Auf einem benachbarten Hausdach stand bereits ein AirCar des Katastrophenschutzes und ein daneben stehender Mann mit einer leuchtend gelben Warnweste, welche die Aufschrift Einsatzleiter trug, winkte sie heran. Jean-Jacques lenkte den AirCar auf das Hausdach und landete dort.

Der Einsatzleiter des Katastrophenschutzes gab ihnen den Auftrag, in einer Art »Luftbrücke« die Personen vom Rathausdach auf dieses Dach zu transportieren. Toĝòf bekam den AirCar des Katastrophenschutzes zugeteilt und sie flogen los.

Nach ein paar Fuhren hatte Jean-Jacques die Beladung seines AirCars optimiert, und so konnte er immer sechs Personen gleichzeitig ausfliegen, zwei auf dem Beifahrersitz und vier auf der Rückbank. Nur wenn er Schwerverletzte zu transportieren hatte, die von der Feuerwehr aus dem Haus geborgen werden konnten, wurden diese auf die Rückbank gelegt und die Kapazität verringerte sich dadurch etwas.

Nach und nach gesellten sich mehrere Streifenwagen des TCPD dazu und die Luftbrücke arbeitete immer effizienter.

Bevor die Flammen die obersten Stockwerke erreichen konnten, hatte die Feuerwehr sie in Schach halten können und sie hatten außerdem alle sich in diesem Hausflügel befindlichen und noch lebenden Personen retten können. Die letzte Fuhre führte Jean-Jacques durch und brachte drei sichtlich erschöpfte Feuerwehrmänner zurück zu ihrem Löschzug. Der Einsatzleiter des Katastrophenschutzes erklärte daraufhin die Luftbrücke für beendet.

Um Toĝòf abzuholen, flog Jean-Jacques auf das Dach, auf dem die Einsatzleitung des Katastrophenschutzes eingerichtet worden war. Dieser empfing ihn mit einer großen Flasche Wasser, die er fast in einem Zug leer trank.

»Einhundertundzweiundfünfzig Personen wurden laut Katastrophenschutz insgesamt von uns mit den AirCars gerettet«, gab Toĝòf weiter.

Jean-Jacques musste schmunzeln und meinte: »Da müssen wir ja die Lebensrettungs-Wand gewaltig erweitern!« 

Durchgeschwitzt, aber erleichtert kehrten sie ins Büro zurück. Den Besuch bei der SkyPatrol-Zentrale hatten sie auf den nächsten Tag verschoben. Als sie die »Showtreppe« hinuntergingen, wurden sie mit Applaus empfangen. Jean-Jacques hasste diese Treppe und hatte immer noch vor, einen Notausgang auf der unteren Ebene von der Haustechnik-Abteilung zu einem offiziellen Zugang umbauen zu lassen, nur um nicht diese Treppe benutzen zu müssen. Auf den Wandbildschirmen sah man Sonderberichte der verschiedenen Fernsehsender zum Bombenanschlag; auch die »Luftbrücke« fand eine lobende Erwähnung.

Anders empfing sie am Fuß der Treppe.

»Gute Arbeit«, lobte er. »Einhundertundzweiundfünfzig Personen, Respekt! Die Chefetage geht von einem terroristischen Anschlag aus, daher bleibt der T-Alarm in der schwächeren Stufe Zwei erst einmal bestehen.« 

Jean-Jacques wurde plötzlich nachdenklich.

»Sagt mal, wie kann ein AirCar durch die halbe Stadt fliegen und dann das Rathaus sprengen, ohne dass es jemand merkt?«, fragte er.

Er lieferte die Antwort gleich selbst nach.

»Ach nein, dafür ist ja die SkyPatrol zuständig. Aber die hatte ja einen Todesfall und eine sehr, sehr dünne Personaldecke und daher musste sie leider die Überwachungsbereiche neu ordnen und vor allem vergrößern. Also ich sehe da einen Zusammenhang am Horizont aufsteigen!« 

Anders zeigte sich von Jean-Jacques’ Analyse allerdings vollkommen unbeeindruckt.

»Oh, ich vergaß noch zu erwähnen: Für die Rathaus-Bombe ist die Abteilung Eins zuständig, du brauchst dir also nicht den Kopf zerbrechen«, verkündete er.

»Na super«, schimpfte Jean-Jacques. »Wieso nicht wir? Toĝòf und ich waren die ersten vom DIID am Tatort!« 

Anders entgegnete: »Jay Jay, willst du das wirklich? Der letzte Stand sind dreiundzwanzig Tote und noch einige Vermisste! Bei so einer als ›Terrorismus‹ klassifizierten Geschichte steht dir ständig die Chefetage und – noch schlimmer – die Politik auf den Füßen, die dir ständig hineinredet und ständig Ergebnisse sehen will. Ich brauche das nicht; das können die Einser ruhig übernehmen – Zusammenhang hin oder her! Wir haben ja immer noch den toten Nèk’h-Cop, das ist schon schlimm genug.« 

Jean-Jacques murmelte etwas von »du hast ja recht«, fand aber auch, dass Anders zu viel »ständig« sagte.

»Und wenn du dann womöglich jemanden fälschlich als Terroristen verdächtigt hattest«, fuhr Anders fort, »dann hast du auch noch unter Umständen ein Rudel Anwälte am Hals.« 

»Leider haben sie die ja auch von der Erde evakuiert. Das war eigentlich vollkommen überflüssig«, stellte Jean-Jacques fest.

Anders lachte scheppernd. »Gut, Spaß beiseite! Es gibt aber doch noch etwas für uns: Ein fast zeitgleich stattgefundener Einbruch in ein Waffendepot der Armee. Kommt bitte in den Besprechungsraum.« 

Das DIID deckt auch Militärpolizeiaufgaben ab, die nach Kriegsende bewusst nicht mehr dem Militär selbst übertragen worden waren. Deswegen waren sie auch für so einen Fall zuständig. Im Besprechungsraum wartete schon ein Mann mit asiatischen Gesichtszügen.

Anders stellte fest: »Wir haben für die Untersuchung des Waffendepoteinbruchs noch einen Techniker hinzu bekommen.« 

Der Techniker stellte sich als Mike Park von der DIID-IT-Abteilung vor. Er hatte sich Listen der letzten Inventur des Depots beschafft und dargelegt, dass dort aus dem Krieg übrig gebliebene Waffen und Munition gelagert waren, die eigentlich zur Verschrottung beziehungsweise Vernichtung vorgesehen waren.

Jean-Jacques war fassungslos. »Diese Intelligenzbestien haben Waffen und die dazu passende Munition zusammen gelagert und nicht mal ordentlich bewacht, wie es scheint?« 

»Das ist natürlich grob fahrlässig«, meinte Anders. »Es wird tatsächlich zu untersuchen sein, wer dafür verantwortlich gemacht werden kann.« 

»Was wurde genau entwendet?«, wollte Nèřá wissen.

Mike legte anhand der Inventurliste dar, dass mehrere Railgun-Gewehre und mehrere Railgun-Handfeuerwaffen entwendet wurden. Diese waren zwar nicht mehr die aktuellsten Modelle, aber immer noch zu aktuell gängiger Munition kompatibel. Passend dazu nahmen die Einbrecher auch mehrere Kisten Batterie-Packs zur Energieversorgung für die Railguns mit. Zusätzlich fehlten außerdem einige größere Waffen, nämlich mehrere Panzerfäuste. Zu allen Waffen wurde die entsprechende Munition mit gestohlen, unter anderem fünf Kisten mit Panzerfaustraketen.

»Die Kisten enthalten sozusagen ›Dreier-Packs‹, um genau zu sein«, meinte Mike. »Also haben wir insgesamt fünfzehn fehlende Raketen.« 

Nèřá war der Meinung, dass man mit einer derartigen Feuerkraft einen Krieg anfangen könnte.

»Oder ein wenig die Unterwelt aufmischen«, ergänzte Jean-Jacques.

»Dem stimme ich zu«, sagte Anders. »Der Schwarzmarktwert der Dinger muss immens hoch sein. Wir werden einen Hinweis herausgeben, dass alle ihre Informanten zu Nachforschungen auffordern, ob, wo und wieviele derartige Waffen auf dem Markt auftauchen.« Er schaute Mike und Jean-Jacques an. »Wie sieht das eigentlich mit dem Transport aus? Waffen- und Munitionskisten sind doch an sich recht sperrig.« 

Mike antwortete: »Hier waren wohl Experten am Werk. Sie haben meiner Ansicht nach nur die Waffen mit dem, sagen wir einmal, besten Gewichts-Leistungs-Verhältnis mitgenommen. Ein mittelgroßer Pickup-AirCar dürfte ausreichend gewesen sein.« 

»Experten also. Das würde uns helfen, den möglichen Täterkreis einzuschränken«, behauptete Anders.

Nèřá meinte: »Dazu passt aber auch jeder, der im Krieg näher mit Waffen zu tun hatte. Also doch kein so kleiner Kreis.« 

Mike ergänzte, dass es auch jemand sein könnte, der nicht nur im Krieg mit Waffen zu tun hatte, sondern eine entsprechende Tätigkeit derzeit ebenfalls ausführt. Er könnte sich daher den Täter auch innerhalb der Staatsorgane vorstellen.

»Womöglich etwa jemand von uns?«, fragte Nèřá. »Die Kenntnis diverser Interna spräche eigentlich dafür.« 

»So ungern ich diese Aussage treffe, aber: Ja, womöglich auch jemand von uns.«